Früher war die Hausmetzgete eine grosse Sache. Wer etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, richtete mit der grossen Kelle an. So beschreibt es Jon Mathieu in seinem Buch «Bauern und Bären. Eine Geschichte des Unterengadins von 1650 bis 1800». Wer ebenfalls etwas auf sich hielt, aber nicht über die ganz grossen finanziellen Mittel verfügte, richtete seine Metzgete etwas kleiner an, hielt es aber trotzdem für eine grosse Sache und konnte sich damit den Spott der Chronisten zuziehen. «Zwei hässliche, magere, arme Schäfchen», habe der Hausherr geschlachtet und sei sich dabei vorgekommen «wie irgendein grosser Herr Bündens».
Geschlachtet wurden Ochsen, Rinder, Schafe oder Schweine im Dezember, denn nach ihrer Rückkehr von der Alp mästeten sie die Besitzer noch zwei Monate. Auch wurde beim Schlachttermin auf das Sternzeichen geachtet, denn Schlachtung im Zeichen des Fischs sollte weiches Fleisch ergeben.
Die wohlhabenden Familien engagierten einen Störmetzger und eine Menge Hilfen, zum Beispiel Darmwäscherinnen, aber auch Nachbarn und Freunde, welche zur Hand gingen und danach zum Nachtessen mit einem Fleischteller belohnt wurden. Oft waren so viele Leute zugegen, dass allein ein Drittel oder Viertel des Viehs nur zu deren Entlöhnung aufgewendet wurde, wie die Chronisten erkannten. Allerdings galt das Prinzip der Gegenseitigkeit, heisst die Schlachtenden kamen bei anderen Metzgeten in den Genuss von frischem Fleisch.
Nun ist die Zeit der Hausmetzgeten schon länger vorbei, auch den strengen Hygienevorschriften geschuldet, doch auch die Metzgeten in Restaurants werden in der hiesigen Region immer weniger. Eine der Ausnahmen bildet da noch das Hotel und Restaurant Chavalatsch in Müstair, wo vom 6. bis zum 11. November die traditionelle Hausmetzgete stattfindet, unter anderem mit hausgemachten Würsten, Knödel und Sauerkraut.
Die hiesigen Metzgereien bieten noch immer Zutaten für eine deftige Schlachtplatte wie Speck, Schinken, Blut- oder Leberwurst, Schnörrli, Schwänzli oder Schwartenwürste an und mögen diese Deftigkeiten durchaus auch selber. Nicht fehlen dürfen im Angebot auch die Kartoffelwürste, welche hier Tradition haben. Doch insgesamt haben die Verkäufe nachgelassen und die Kundschaft wird weniger, dies obwohl Schwarten und Würste Kollagen enthalten, welches in der Kosmetik- und Gesundheitsbranche im Trend liegt. Doch wer weiss, vielleicht kehrt auch diese Tradition irgendwann wieder zurück.