Sie sind auch Visitenkarte oder Aushängeschild des Vereina: Bea Neuhäusler (links) und Mengia Marugg, die von Anfang an dabei ist.
Sie sind auch Visitenkarte oder Aushängeschild des Vereina: Bea Neuhäusler (links) und Mengia Marugg, die von Anfang an dabei ist. © Jürg Wirth

Vereina bei Hochbetrieb

Jürg Wirth Über Weihnachten/Neujahr und im Februar herrscht am Autoverlad Vereina vor allem an den Wochenenden Hochbetrieb. Zeit für einen Augenschein.

Das erste Problem stellt sich schon mal vor der Reportage: Wie kommt man zum Autoverlad Vereina, wenn die Autokolonne und auch die Wartezeiten lang sind? Simon Rohner, Chef Autoverlad Vereina, weiss da zum Glück Rat. Ein Rat allerdings, der nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Jedenfalls stehe ich am 4. Januar um etwa 9.30 Uhr an der Verladestation Sagliains. Dabei fällt schon mal auf, dass die Kolonne gar nicht so lange ist. «Bis Mittag sollten wir alle Autos durchhaben», gibt sich Rohner optimistisch. Just danach kommt die Durchsage auf seinem Funkgerät: «Wir haben ein Auto, das nicht anspringt, etwa in der Mitte der Galerie.» Rohner springt auf seinen Elektroscooter und braust davon. Zuvor hat er noch den Booster umgehängt, welcher die müde Batterie wieder munter machen soll. Kurz darauf steht er wieder zufrieden vor dem Büro der Vereina-Zentrale. 

Hat soeben eine müde Autobatterie wieder munter gemacht: Simon Rohner, Chef Autoverlad Vereina.
Hat soeben eine müde Autobatterie wieder munter gemacht: Simon Rohner, Chef Autoverlad Vereina. © Jürg Wirth

Aufschliessen bitte

Nun setzt sich die Autokolonne langsam in Bewegung und fährt Auto für Auto auf den Zug. «58 Autos bringen wir auf den Zug,» sagt ein Mitarbeiter «schi fan ils bravs», hängt er noch an. «Scha na» hätten nur 50 Wagen Platz, erklärt er. «Schi fan ils bravs» bedeutet, dass die Autos möglichst nahe hintereinander anhalten, angeleitet von einem Mitarbeiter, der sie lotst. Acht Autos mehr oder weniger scheint auf den ersten Blick nicht extrem viel zu sein, hat auf den zweiten aber durchaus Auswirkungen auf Zugverkehr und Wartezeiten. An Spitzentagen würden sie bis zu 5000 Autos durch den Tunnel transportieren, sagt Simon Rohner. Bei einer Beladung mit 58 ergibt dies 86 Fahrten, stehen aber nur 50 auf dem Zug, braucht es deren 100 Fahrten. Deshalb also, liebe Automobilisten und Automobilistinnen, immer schön den Anweisungen des Personals Folge leisten und so dicht wie möglich ans vordere Auto auffahren. Und ja, beim Aufladen werden die Autos der einzelnen Kolonnen immer, immer abgezählt und von jeder Kolonne gleich viele durchgelassen. Rohner und auch die Verkehrskadetten, die an Spitzentagen diese Arbeit übernehmen, wissen aber von unzähligen Erlebnissen zu berichten, bei denen ihre Zählfähigkeiten von den Autofahrenden stark infrage gestellt worden seien. Zu Unrecht – ein für alle Mal.

An besagtem 4. Januar 2025, immerhin ein Samstag, ist die Kolonne nicht so lange, weil der Julier geöffnet ist, sich An- und Abreise auf mehrere Tage verteilen und weil nicht auch noch viel Zusatzverkehr nach Livigno dazukommt. Die grössten Wartezeiten entstehen laut Rohner, wenn verschiedene unglückliche Umstände zusammenkommen. Schneefall und gesperrter Julier, Anreise der Belgier und Holländer nach Livigno, Wochenende und Hochsaison im Engadin. Nebst den Weihnachtstagen tritt diese Kombination vor allem im Februar ein. Dort wollen 4000 bis 5000 Autos durch den Tunnel – beidseitig, wie der Vereina-Chef betont. Auch wenn der 2. Januar auf einen Montag falle, seien alle da – wie er sich ausdrückt.

Im Dunkeln

Stehen die Einweisenden dann unter besonderem Druck, ändert sich für die Lokführer nicht viel. Einer von ihnen ist Anselm Spescha, er hat am 4. Januar Dienst und nimmt das Ganze relativ gelassen. Es sei wohl nicht seine absolute Lieblingsstrecke, weil quasi von Dunkel zu Dunkel, allerdings schätzt er, dass zwischendrin immer wieder ein kleiner Fussmarsch ansteht. Jeweils 300 Meter, sprich, eine ganze Zuglänge muss er an jedem Halt zurücklegen. Ausser einem Lokführer fahren alle anderen auch noch andere Linien und nicht nur den Vereina. Speziell bei Spescha ist noch, dass er als Zugbegleiter begonnen hat und sich dann zum Lokführer umschulen liess. Nun könne er den ganzen Tag aus dem Fenster schauen und dabei erst noch Geld verdienen, meint er mit einem Augenzwinkern. Er verabschiedet sich, denn der Zug ist gefüllt und es kann wieder losgehen.

Anselm Spescha ist Lokführer und fährt immer mal wieder durch den Vereinatunnel.
Anselm Spescha ist Lokführer und fährt immer mal wieder durch den Vereinatunnel. © Jürg Wirth

Gerne im Kassahäuschen

Zeit also noch für einen Besuch im Kassahäuschen, quasi der Visitenkarte des Autoverlads. Mengia Marugg ist am längsten dabei, nämlich seit der Eröffnung vor 25 Jahren. Sie ist also quasi die bekannteste Visitenkarte des Autoverlads. «Sehr gut», sei die Arbeit erklärt sie. Unter anderem auch, weil sie ihre Arbeitspläne schon ein halbes Jahr im Voraus bekämen, was die Planung des Lebens neben der Arbeit sehr vereinfache. Sie schätzt auch das selbständige Arbeiten an der Kasse, nach jeder Schicht müssen sie abrechnen und das Geld übergeben. Auch Beatrice Neuhäusler gefällt die Arbeit an der Kasse, sie arbeitet allerdings erst seit rund acht Jahren am Vereina, damit gehört sie zu einem Team von rund 50 Leuten. Beide mögen sie Stress so halb. Die Arbeit sei dann streng, dafür fliege die Zeit nur so dahin. Der grosse Teil der Leute sei eigentlich nett und man habe ab und an auch mal Zeit für einen Schwatz, sagen die beiden vom Kassahäuschen. Aber selbstverständlich gäbe es zwischendurch auch solche, die nicht so nett seien und die ihre schlechte Laune an ihnen ausliessen. Da heisse es, ruhig zu bleiben und nicht laut zu denken, erklären sie ihre Deeskalationsstrategie. Dass sie immer alleine am Arbeiten sind, gefällt ihnen gut, eben Kontakt habe man ja mit den Passagieren. Mengia würde sogar, käme sie nochmals auf die Welt, wieder im Kassahäuschen des Vereinas arbeiten, wie sie sagt. 

Beatrice Neuhäusler arbeitet seit acht Jahren an der Vereina-Kasse – und das sehr gerne.
Beatrice Neuhäusler arbeitet seit acht Jahren an der Vereina-Kasse – und das sehr gerne. © Jürg Wirth

Gute Datenbasis

Simon Rohner ziemlich sicher auch, jedenfalls ist er mit Herzblut dabei. Aus dem Kopf zählt er nochmals die stärksten Wochenenden auf, weiss auswendig, bei welchen Konstellationen, heisst Kombination aus Daten und Wochentagen, das grösste Verkehrsaufkommen zu erwarten ist. Hat trotzdem noch Zeit für kleine Scherze mit den Mitarbeitenden und gibt noch einen letzten Trick auf den Weg mit. «Wir haben die Daten der letzten 25 Jahre gespeichert, deshalb wissen wir, dass die Daten und Wochentage im Dezember 2019 und Januar 2020 genau gleich waren und haben deshalb 1a-Vergleichswerte.» Damit sollten sich auch die unliebsamen Überraschungen in Grenzen halten. Für diesen 4. Januar hat dies tatsächlich zugetroffen und ich hätte schon fast den normalen Weg zur Verladestation nehmen können – aber eben.

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